Im Anschluss an die Lesung zeigen wir den Film „Der verlorene Engel“ mit dem Untertitel „Ein Tag im Leben Ernst Barlachs“ Es ist ein deutscher Spielfilm der DEFA von Ralf Kirsten aus dem Jahr 1966 nach der Novelle „Das schlimme Jahr“ von Franz Fühmann. (60 min.)
Michael Schmal schrieb zu seinen Barlach-Texten:
Als Mecklenburger, mit Ernst Barlach aufgewachsen, mit seinem Werk verwachsen und beim Anblick seiner Figuren nicht immer erwachsen. Etwas von der kindlichen Betrachtungsweise bewahren. Neugierig, mit immer wieder staunenden Augen, einmal sanft berühren wollen, nachdenklich, traurig, komisch und die tiefe Liebe zu seinem Werk, das ist mir Barlach. Michael Schmal stellt ihnen einen Künstler vor, den sie vielleicht schon kennen. Eini-ge werden sich mit Ernst Barlach im Unterricht beschäftigt haben, sie haben über ihn gelesen oder waren sogar in der Barlachgedenkstätte in Güstrow und konnten dort einen Teil seiner Werke kennenlernen.
Bevor wir uns den Film „Der verlorene Engel“ anschauen, will ich Ihnen einiges über Ernst Barlach und die Geschichte des Güstrower Engels, wie man ihn auch nennt, berichten. Ich möchte sie im Laufe meiner Lesung mit weiteren Skulpturen Barlachs bekannt machen. Ich werde ihnen einzelne Abbildungen der Werke des Künstlers zeigen und ihnen dazu einige Gedanken und Gedichte vorlesen.
Mit dichterischer Leichtigkeit gedankliche Tiefe erzeugt
von Hans-Jürgen Schumacher
Gedichte schreiben, ob im Versmaß, gereimt oder in freier Form, ist heutzutage, wo alles möglich und bis auf einen kläglichen Rest von Tabus alles erlaubt ist, kein leichtes Unterfangen mehr.
Das scheint ein Widerspruch zu sein, aber die handwerklich äußerst anspruchsvolle Lyrik beispielsweise im 17. Jahrhundert (Friedrich Spee, Sibylla Schwarz) ließ ein anderes Versmaß als das der „Opitzschen Schule“ kaum zu. Beherrschte man diese Art Dichtkunst, konnte einem, salopp gesagt, „fast nichts mehr passieren.“
Nach einer langen Entwicklungsgeschichte der Dichtkunst durch verschiedene Epochen, Irr- und Umwege, die sich allesamt als notwendig und fürs Verseschmieden als konstruktiv erwiesen haben, sind wir nun dort angelangt, dass, außer der so genannten technischen Lyrik, jede Art des Schreibens von Lyrik erwünscht, gestattet, erlaubt und willkommen ist. Handwerklich anspruchsvolle Lyrik in Sinne von Intellektuell findet allerdings nur noch in Seminaren, auf Schreibschulen und Literaturinstituten statt, so wie sich Lyrik nun auch nicht mehr kommerziell vermarkten bzw. verkaufen lässt, es sei denn, der Autor durchläuft die „Ochsentour“ und ist sich nicht zu schade, auch vor zehn Zuhörern sein (lyrisches) Herz auszuschütten.
Es ist dem Autor, Lyriker und Kulturschaffenden Michael Schmal hoch anzurechnen, im Überangebot von Literatur aus allen Genres sich mithilfe freier Verslyrik über Sinn und Angebot der Werke Ernst Barlach Gedanken gemacht zu haben. Nicht selten fliehen Kunst- und Kulturschaffende vor der Melancholie der tief religiösen, künstlerischen Ausdrucksform des Bildhauers. Michael Schmal hat dem „standgehalten“ und ist dafür mit einer Ausdrucksweise innerer Befindlichkeiten belohnt worden, die möglicherweise als selten zu bezeichnen ist.
Der Autor ist sich nicht zu schade, Barlachs bekannteste Skulpturen lyrisch in eine gereimte Versform zu übertragen. Hier ist der unkonventionelle Reim gerade die richtige Ausdrucksmöglichkeit, um nicht im gedanklichen, emotionalen und demzufolge nachfolgenden lyrischen Sumpf zu versinken. Benutzt der Autor dennoch die freie Versform („Der Rächer – Fragen zu einem schlimmen Tag“, „Geben und Nehmen“), so haben seine Texte plötzlich eine andere Aufgabe. Sicherlich sollen sie dann auch weiterhin zum Nachdenken anregen, in erster Linie sollen sie aber aufrütteln, den Leser oder Zuhörer eine Weile sprachlos machen, um dann eine Reaktion zu provozieren!
Die Lesung mit Ausstellung findet im Rahmen der Reihe „Talk im Speicher“ statt. Die Veranstaltungsreihe wird von der Postcode-Lotterie gefördert.
Eintritt:
VVK: 5 Euro / AK: 7 Euro